Wir sind nicht allein: JA ZU HöRIG - Kommentar der renommierten Süddeutschen


[ SWF3 - Elmar Hörig - Rockland ]


Geschrieben von Andreas am 25. Maerz 1999 at 10:50:42:

25.03.99
Medien










Deutschlandwetter



Wir sagen ja zu Hörig

Über eine politisch korrekte, aber unwürdige
Entlassung

De gustibus? Nicht beim SWR. Dort wird über
Geschmack nicht gestritten, sondern gerichtet – und
zwar summarisch, ruck-zuck. Und wer nicht paßt,
fliegt. So geschehen im Falle des Elmar Hörig, der
laut SWR3-Chef Gerold Hug die „unterste
Schublade der Schwulenwitze gezogen“ hätte. Und
wenn er sich aus der „obersten Schublade“ bedient
hätte? „Klischees aus der Klemmi-Zeit der
fünfziger Jahre“ wirft der Hug dem Hörig vor. Aber
seit wann werden Journalisten wegen Suhlens im
Klischee-Brei gefeuert? Das ganze Gewerbe müßte
dann ins Umerziehungslager – und die Hälfte davon
in verschärfte Einzelhaft, wo es jedesmal einen
kleinen Stromschlag gibt, wenn jemand einen
anderen „an die Kandare“ oder ihm den „Wind aus
den Segeln“ nimmt.

Was hat Hörig verbrochen? Er hat sich über eine
Ankündigung der Bundesbahn mokiert, wonach
homosexuelle Paare demnächst verbilligte
Fahrkarten bekommen werden. Hörig hat die
„warmen Wochen“ bei der Bundesbahn begrüßt
und lobend hinzugefügt: „Dann braucht man die
Züge nicht mehr zu heizen.“ Außerdem bekäme der
Spruch „Hinten anstellen“ eine völlig neue
Bedeutung. Nun denn.

Aber gelacht wird trotzdem; das haben wir im
Kreise von ebenso wohlmeinenden wie
geschmackssicheren Kollegen empirisch und
statistisch signifikant getestet. Es war kein böses,
kein gemeines Lachen, sondern eines, das
kalauermäßig genau paßte. Es wurde so gelacht
wie bei Harald Schmidt, wenn der seine polnischen
Freunde beglückt – etwa mit dem Spruch der
Polska Promocija Turisticzna: „Kommen Sie in
diesem Sommer nach Polen. Ihr Auto ist schon
hier.“

Das sind Witze, die zwar mit präsumtiven
Kollektiv-Eigenschaften dieser oder jener Gruppe
arbeiten, aber weder gehässig noch herabwürdigend
sind. Sonst würde man nämlich nicht, wie es heißt,
„herzhaft“, sondern bedrückt, peinlich berührt oder
mit schlechtem Gewissen lachen. Und jeder weiß:
Natürlich sind die Polen kein Volk von Dieben. Man
macht sich einen Jux. Punkt. Aus.

Warum echauffieren sich dann die Hugs dieser
Welt? Ganz einfach. Sie sind Funktionäre, die
immer nach links, rechts und oben gucken (und sich
ducken) müssen. Denn sie sind Teil einer
quasi-staatlichen Agentur, in der sich die
Machtverhältnisse von Politik und Gesellschaft
spiegeln. In diesem System haben die Gruppen A
bis X eine besondere Macht, die sie stets auf neue
beweisen müssen. Schließlich leben die Hugs in
einem kulturellen System, das besagt: Wehe dem,
der eine amtlich bestätigte Opfergruppe aufs Korn
nimmt; ab mit ihm in die Umerziehung oder Stütze.

Das ist politisch absolut korrekt, aber einer freien
Gesellschaft unwürdig. Zur Gedanken-, Meinungs-
und Humorfreiheit gehören gerade krude,
geschmacklose und (mäßig) verletzende Sprüche.
Gälte sie nur für das Gute, Schöne und Wahre,
wäre sie nichts wert. Anders ausgedrückt: Im
Zweifel gegen Hug und für den schlechten
Geschmack. JOSEF JOFFE

SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher
Verlag GmbH, München





Antworten:


Eva Marbach      Go-Shopping


[ SWF3 - Elmar Hörig - Rockland ]