Antwort zur Musik


[ SWF3 - Elmar Hörig - Rockland ]


Geschrieben von M.O. am 24. August 1999 at 03:09:23:

Als Antwort auf: Re: nochmals zur MA eine dpa-Meldung geschrieben von Henrik am 23. August 1999 at 13:49:13:

Gruß

Daß der Radiomax soweit programmiert werden kann, daß er, wie Du es beschrieben hast, funktioniert will ich Dir gerne glauben.

Ich kenne den Radiomax aus dem SWF3-Lexikon und weiß, daß er zunächst Anfang der Neunziger Jahre (also deutlich vor '94) eingesetzt wurde um die lästigen Gänge ins Musikarchiv, die Suche darin und die notwendige Bürokratie zu ersetzten. Damit wurden beispielsweise interaktive Musikwünsche am Telefon erst möglich, das heißt aber tausende Titel sind auf Knopfdruck binnend Sekunden sendebereit.

Zu Anfang dieser Entwicklung gab es hitzige Debatten und einige Moderatoren haben auch ON AIR erklärt, wie's funktioniert. Ich habe es so in Erinnerung: Der Musikredakteur gibt dem Moderator den Sendeplan der Musiktitel und der Moderator programmiert seinen Max entsprechend. Natürlich liegt es als edv-versiert denkendem Mensch auf der Hand diesen Schritt ebenfalls zu informatisieren, das heißt den vom Musikredakteur am PC aufgestellten Plan elektronisch vom Max einlesen zu lassen. Ebenfalls könnte die Arbeit des Musikredakteurs in der von Dir beschriebenen Art erleichtert werden. Ob er die formalen Kriterien nun von Hand oder rechnergestützt anwendet, bleibt sich letztlich gleich. Ich würde allerdings viel eher behaupten wollen, der Max kann dem Musikredakteur viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten bieten, solange nicht andere Zwänge eine Rolle spielen wie ich sie weiter unten beschreiben werde.
Ob und wie das bei SWr3 gehandhabt wird, weiß ich aber nicht. Weiß nur, daß ich öfters Holtmann mit Körbchen gesehen habe in denen er mutlichmaßlich seine CDs in die Sendung schleppt (obwohl alle in Box -nein Hithops- gewünschten Titel ohnehin im Musimax sind). Vielleicht legt er sich auch nur die eigenen CDs selbst auf, damit er sich seine Sendung nicht anhören muß :-)
Glaube dennoch, daß die Musikredakteure sehr wohl noch wissen was läuft.

Es gibt einige (private) Radiostationen die beispielsweise nachts NUR den Computer die Musik auflegen lassen. Davor gab es sogar erschreckende Beispiele auch bei einigen Piratensendern die stundenlange fertige Bänder abspulten. Die waren leicht zu identifieren. Der Computer-DJ kann natürlich variieren und zahllose Drops, Jingles, On-Air-Pakete und andere Soundeffekte einstreuen. Aber ein besonders negatives Beispiel ist mir trotzdem aufgefallen, nämlich RTL Radio wo um die gleiche Uhrzeit immer wieder die gleichen Titel liefen ohne Moderation aber mit Variation der Reihenfolge. Wahrscheinlich macht der Moderator um die Zeit immer Mittagspause. Jedenfalls von solchen Zuständen ist SWR3 gottlob noch weit entfernt. Ein anderes Beispiel wäre SKY Radio die anfangs ganz OHNE Moderatoren auskamen...

Stichwort Moderatoren: Anke und Thees waren keine Doppelmods. Waren schon vorher C-Team und erst als Anke nach ihrem Studium zur Zipp-Crew wechselte spielte Thees auch den Producer. Thees hat aber selbst mit "seinem" Producer Patrick van Odijk moderiert. Patrick moderiert jetzt selbst bei SWR1 und das viel besser als Thees jemals sein wird. Thees ist eine Art mißlungener Verschnitt von Harald Schmidt und Steffen Seibert (falls aus diesen jemals etwas Vernünftiges zustandekäme). Thees hat sich voll der zynischen Neunziger-Jahre-Machart verschrieben. Die habe ich damals bei Schmidteinander und ganz frühen C-Team-Lollipops geliebt. Heute bin ich drüber weg und die essigsauren Theessprüche einfach satt. Wem's heute noch gefällt will ich nicht dreinreden, wie gesagt ich verstehe.

Zu Stöckle/Reufsteck kann ich nicht viel sagen. Liegt daran daß ich mir bei den Neuen, die ich abschalte ohne sie zu kennen, die Namen nicht mal merke. Früher habe ich jeden der durchschnittlich vierzig oder so Moderatoren an der Stimme erkannt, allen voran Elmi. Noch ein Wörtchen zu Karsten. Heute morgen hörte ich Caroline Sendele zu diesem Mensch sagen (sinngemäß): Verlaß dieses Studio! Hintergrund war daß Caroline sich verspätet hatte zu Beginn der Sendung und ihr Producermensch sie ON AIR anmachte wieso sie zu spät gekommen war. Sowas haben echte SWF3-Moderatoren früher immer sehr konvivial geregelt und es war immer eine Freude das am Radio zu verfolgen. Die arme Anke hat mal auf einen Popfitter warten müssen...und wer die entsprechende Uhrzeit kennt, weiß was das heißt!

Zu den Zeiten, als Kai Karsten ... morgens Zipp moderierte, waren diese ein sehr gutes Paar.

Nein. Dies ist falsch. Wenn eine Partei viel zu nett ist um der anderen den Spiegel vorzuhalten und wenn diese nette Partei gezwungenermaßen versucht das Beste aus der Situation zu machen, dann ist das alles andere als gut. Im Gegenteil. Wer besonders aufmerksam zugehört hat, dem werden unzählige Male in Erinnerung sein, in denen besagte Moderatorin diesen Producer mit feinster Ironie bloßstellte. Eine Ebene des Humors deren Klamauk-Karsten nicht fähig ist, vermutlich mangels Intelligenz. Arme Caroline Sendele und all die anderen die mit ihm arbeiten müssen!

Dein Emilia-Beispiel ist noch einen Satz wert. Es hat nichts mit SWx3 zu tun, sondern mit den Labels auf die jedes Radio nunmal angewiesen ist. Emilia hat dieses hinreißende Lied geschrieben und es wurde als Single veröffentlicht. Viele haben diese Single gekauft und alle Radios haben es wochenlang gespielt. Kurz nachdem die Beliebtheit des Titels ihren Zenit erreicht hat (meßbar an dem einzigen Kriterium an dem das Label Geld verdient), wird die Plattenfirma die zweite Single nachschiessen. Das zweite Lied ist jedoch alles andere als ein Meisterwerk, aber das beste was Emilia zu Zeit noch auf Lager hat. Hätte man die Reihenfolge der Veröffentlichung umgedreht, niemand hätte dieses Lied hören wollen geschweige im Radio gespielt. Das Schlimme ist jedoch, daß sobald die Plattenfirma die zweite Single veröffentlicht, alle Radiosender inklusive Fernsehen diese zweite Single mit derselben Rotation spielen. Und da die Plattenfirma sich ausrechnet, daß es ein Verlustgeschäft sein wird eine dritte (noch schlechtere, da dritte Wahl) Single auf den Markt zu hauen, wird dieser Titel bei normal abebbender Rotation faktisch öfter gespielt werden als der Hit-titel selbst (dessen Rotation die Plattenfirma indirekt selbst stoppte).

Also läuft der Titel Zwei (dessen Name ich nicht mal erinnere) bis heute immer mal wieder unter der Woche und jedes Mal denke ich: Mit welcher Begründung?! Weil es da mal einen anderen Titel gab? Und eben den wollte ich jetzt lieber hören. Was bleibt mir übrig? Richtig, ich Nachzügler muß die Single -aber die ist vergriffen, also das teure Album kaufen. Vom dem Emilia nur einen Bruchteil an Royalties sieht, wenn sie nicht wirklich alle Titel selbst geschrieben hat sogar proportional noch weniger für das Megalied auf dem Album als für die Singleauskopplung.

Die Behauptung ein Titel wie Big-big-world werde durchgenudelt und niemand wolle ihn nach 1-2 Wochen noch hören ist blanker Unsinn. Ich habe Titel dieser Qualität sooft gehört und doch gerate ich immer noch ins Schwärmen jedesmal. Auch heute abend mit Stefanie bei Hotel California, den ich in meinem Leben zigtausendmal gehört habe. Aber solche Lieder wie What's Up,bei denen einfach jede Note an ihrer richtigen Stelle ist, sind auch wiederum sehr sehr selten. Manche Jahre werden gar gar keine solchen Titel geschrieben. Umso ärger regt mich ihre obig beschriebene Kommerzialisierung auf, deren Mechanismus sich leider kein Sender entziehen kann.

Es gibt auch Titel die erst beim zweimaligen Hinhören ihren Reiz entfalten. Es ist schwer zu beschreiben, aber jeder dürfte es schon mal erlebt haben. Solche Titel können in der Tat eine zeitlang gefallen und danach wieder nerven, da der Aspekt der beim ersten Hinhören (unbewußt) nicht gefiel ja nicht verschwunden ist, ja vielmehr sich während der Rotation zur Aversion akkumuliert hat. Solche Titel a la Cher und Madonna und so sind zudem hoffnungslos in der Mehrheit.

Die "Abseits der Straße"-Titel, dazu kann ich nur sagen: Es gibt viele gutgemeinte Versuche Songs zu schreiben und Bands zusammenzustellen, aber gutgemeint ist oft nicht gleich gutgemacht. Die New-Pop-Initiative war mir damals als eingefleischtem SWF3-Hörer zwar ziemlich suspekt, weil damit sicher auch Fehler einhergehen. Hier wird nämlich die Pyramide von Angebot und Nachfrage auf den Kopf gestellt. Nicht der Hörer, sondern die Musikredakteure entscheiden im Prinzip nach Gutdünken, welche Bands und Musiker eingeladen werden. Dann sind allerdings wieder die Hörer gefragt. Eine solche Initiative seitens eines Radioveranstalters war zweifellos notwendig und unter diesen heutigen Verhältnissen auch sinnvoll.

In Frankreich zum Beispiel läuft eine ganz andere Nummer. Dort diktiert der Staat jedem Lizensnehmer daß 40% (in Wortens Vierzig Prozent!) der Musik aus französicher oder europäischer Produktion stammt (und die f. Sprache enthält). Das ist "Toleranz" und ich meine das mit aller Ironie. Und komischerweise hat es etwas mit Kultur zu tun. Der Tatsache nämlich, daß man heutzutage beispielsweise mit der Musik des Kulturkreises Rap-Musik zugekleistert wird, weil es ebenso ein Exportartikel ist wie Bruce Springsteen, und einem vielfach nicht mal das Vokabular zu Verständnis der Texte zugänglich ist, geschweige wir ein Erfahrung davon haben wie Afroamerikaner täglich leben. Die bedaurenswerte Tatsache, daß viele Rap-musiker besonders in ihren Videos ein Selbstverständnis gegenüber einem Frauenbild vermitteln, daß uns Westeuropäern wie finstere Steinzeit anmutet. Da gehen Jahrzehnte Feminismus und Aufklärung die Toilettenspülung runter. Und oft genug ist das einzig Erträgliche an dem Song ein Sample aus einem völlig anderen Kontext, zu dem man selbst einen ganz anderen Bezug hat, wie im schlimmsten Fall den Thema aus der Beethovschen Fünften (oh Graus). Trotzdem bin und bleibe ich weitmöglichst tolerant oder versuche zumindest nachzuvollziehen, wie was entstehen kann und was es über diese Welt aussagt. Ansonsten verbaue ich mir alle geistigen und kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten.





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