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Re: Elmi sollte die Baustelle wechseln


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Geschrieben von zur Erinnerung am 27. Mai 2001 22:59:12:

Als Antwort auf: Re: Elmi sollte die Baustelle wechseln geschrieben von SWF3-MONO-FAN am 27. Mai 2001 20:34:41:

>Was seit der Fusion von SWF3 mit SDR3 aus dem Sender geworden ist, brauche ich wahrscheilich gar nicht erst näher zu erläutern. SWR3 ist ein Mainstream-Sender (Format-Radio) ohne Inovation und Querdenkerei. Hier wird aus Angst etwas an Reichweite ("Einschaltquote") zu verlieren, Programm nach dem - vereindlich - allgemeinen Geschmack gemacht. Da merkt man keinen Unterschied zu RPR und Konsorten.

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Die Quoten-Idioten

Warum ARD und ZDF die Zuschauer verachten
Von Jens Jessen

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich in eine ausweglose Lage
manövriert. Schon jetzt verstehen die Bürger nur noch mühsam,
warum sie staatliche Sendeanstalten mit zwangsweise erhobenen
Gebühren unterstützen sollen, während sich die privaten allein durch
Werbung finanzieren. Bald werden die Zuschauer das Gebührenprivileg
gar nicht mehr verstehen. Denn ARD und ZDF arbeiten planmäßig
daran, die letzten Unterschiede in Programmangebot und
"Bildungsauftrag" (so lautete ein längst vergessener
Rechtfertigungsgrund) zu tilgen, mit denen erklärt werden konnte,
warum das eine Fernsehsystem bezahlt werden muss, während das
andere gratis ist.

Das Mittel der Selbstdemontage ist die Quote. Im Privatfernsehen hat die
Messung der Zuschauerbeteiligung ihren guten Sinn; sie dient der
Festsetzung der Werbegebühren, aber auch dazu, überhaupt
festzustellen, welche Sendungen für die
Werbekunden attraktiv sein könnten.
Denn das Privatfernsehen muss Geld
verdienen, und dieses Geld kommt von
der Werbewirtschaft. Sie ist der
eigentliche Abnehmer, an den sich das
Privatfernsehen richtet; die Zuschauer
sind nur insofern von Belang, als ihre
Zahl ein Argument im Verkaufsgespräch
mit den Werbekunden ist.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist
aber nicht zum Geldverdienen da; es darf
sich mit Werbung höchstens ein Zubrot verschaffen. Weder ARD noch
ZDF haben einen rationalen Grund, die Quote zum Maßstab zu nehmen.
Warum tun sie es trotzdem? Warum blicken auch sie geradezu panisch
auf die Zuschauerentwicklung, setzen Sendungen ab oder verschieben
sie in die Nacht, entlassen Talkmaster, gängeln Drehbuchautoren,
betreiben Volksverdummung mit Heimatabenden, regeln ganz allgemein
Qualität und Anspruch sofort nach unten, wenn die statistische Kurve
auch nur leicht zu zittern beginnt?

Es ist das schlechte Gewissen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehleute
haben ein schlechtes Gewissen, weil sie der privaten Marktkonkurrenz
entzogen sind und eigentlich ein beliebig gutes Programm für beliebig
wenige Zuschauer machen könnten. Sie könnten, wie es die altmodischen
Rundfunkstaatsverträge auch einmal vorsahen, ausschließlich tun, was
sie journalistisch für geboten und künstlerisch für wertvoll halten. Sie
halten diese Freiheit aber heimlich für elitär und fürchten, das Volk
könnte dahinter kommen und ihnen das Gebührenprivileg wieder
entziehen. Darum blicken sie so angstvoll auf die Quote: Sie ist ihnen ein
tägliches Plebiszit über die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen
Rundfunksystems. Mit jeder Sendung, die vielleicht durchfällt, sehen
sie ihre Zukunft bedroht. Intendanten und Programmdirektoren der ARD
haben kürzlich ein so genanntes Optimierungspapier verabschiedet, das
alle Trübsal und Kompliziertheit aus Fernsehfilmen vertreiben möchte.
Zur Hauptsendezeit sollen nur "spannend, heiter-komisch oder
emotional anrührend erzählte, alltagsnahe Geschichten" gesendet
werden, von denen man glaubt, dass sie die Quote sichern.

Diese Strategie wird allerdings nicht die Zukunft sichern. Sie gerade
verwischt die Unterschiede (und seien sie nur noch theoretisch) zum
Privatfernsehen und ist daher für die Rechtfertigung der
öffentlich-rechtlichen Sonderstellung genauso zerstörerisch wie ein
dauerhaftes Produzieren über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Eine
ARD und ein ZDF, die nichts anderes wollen, als mit RTL oder Sat.1 im
heiter-komischen Genre zu konkurrieren, sind überflüssig und
ordnungspolitisch bedenklich, weil sie den Markt durch Subventionen
verzerren.

Es kommt aber noch eine zweite Torheit hinzu. Allein auf die Quote zu
blicken bedeutet den Abschied von jeder verantwortlichen
Programmarbeit. Das Publikum abstimmen zu lassen provoziert in den
Anstalten die Mentalität von Dealern, die beliebig gefährlichen und
verdummenden Stoff anbieten, wenn er nur zuverlässig süchtig macht.
Es fragt sich jedoch, ob die öffentlich-rechtlichen Sender nicht eher die
Rolle von Ärzten einnehmen müssten, die gelegentlich auch eine Medizin
verabreichen, die nicht schmeckt, aber für die Demokratie gesund ist,
und von der die Zuschauer vielleicht sogar merken könnten, dass sie gut
tut. Selbst in den frei finanzierten Zeitungen publizieren Journalisten
Beiträge, von denen sie wissen, dass sie ihre Leser ärgern, die sie aber
für moralisch geboten halten. Davon kann im Fernsehen nirgendwo die
Rede sein.

Es ist sogar noch schlimmer. Denn in Wahrheit erlauben die Sender
ihren Zuschauern gar keine wirkliche Abstimmung; mangels
Alternative. Auf jede Quotenverschlechterung reagieren die
Fernsehleute stets nur mit einer Verflachung des Programms; niemals
kommen sie auf den Gedanken, dass eine Sendung vielleicht zu banal und
zu dumm gewesen sein könnte und man es mit einem klügeren
Programm versuchen müsste. In dieser Publikumsverachtung zeigt sich
der wahre Grund des schlechten Gewissens. Weit davon entfernt, mit
ihrem Populismus der elitären Versuchung zu entgehen, zeigen die
Fernsehleute damit vor allem die Geringschätzung des Zuschauerurteils.
Hat etwas nicht gefallen? Dann war es nicht blöd genug.

Wie man den Zuschauer im Seichten ertränkt

Einen anderen Gedanken können die Anstalten nicht fassen. Gerne
verweisen sie in diesem Zusammenhang anklagend auf die geringe
Zuschauerbeteiligung bei der Verfilmung von Klemperers Tagebüchern;
dass die Verfilmung langweilig und töricht war, scheint ihnen für die
Publikumsreaktion nicht von Betracht. Langeweile gilt ihnen geradezu
als Ausweis von Niveau; deswegen verweisen sie anspruchsvolle
Zuschauer auch gerne beleidigt auf arte.

Die Programmmacher können sich immer nur vorstellen, dass der
angestrebte Anspruch die Zuschauer verschreckt; nicht können sie sich
vorstellen, dass dem Zuschauer der Anspruch vielleicht recht wäre,
wenn er nur erfüllt würde. Dass ein ehrgeiziges Fernsehspiel auch
witzig sein kann, halten sie offenbar für ebenso ausgeschlossen, wie
dass eine Comedy-Serie depressiv stimmen könnte. Ist ihnen jemals der
Gedanke gekommen, dass Alf auch intellektuell anspruchsvoller war
als die Klemperer-Verfilmung oder eine der tragisch verheulten
Kultursendungen?

Jedenfalls rechnen sie fest damit, dass der Durchschnittszuschauer zu
einem solchen Urteil niemals kommt. Die in systematische
Programmarbeit übersetzte Verachtung des Publikums ist der
eigentliche Skandal des öffentlich-rechtlichen Systems. Eine
Demokratie lebt davon, dass sie hoch von ihren Bürgern denkt; sie muss
ihnen zutrauen, dass sie sich ein qualifiziertes Urteil über Politik und
Gesellschaft bilden und in einer Wahlentscheidung niederlegen. Gewiss
sind Zweifel an dieser idealen Urteilskraft erlaubt; aber wenn solche
Zweifel von öffentlich geförderten Sendern gehegt werden, dann müssen
diese ihren öffentlichen Auftrag eben ernst nehmen und das soziale,
politische, auch ästhetische Urteil ihrer Zuschauer trainieren.

Tatsächlich tun ARD und ZDF weder das eine noch das andere. Sie
vertrauen ihren Zuschauern nicht, und sie fördern sie nicht. Mit ihrem
Quotenzynismus arbeiten sie nur an ihrer Entmündigung. Das ist eine
Einstellung, die zu einer plebiszitären Diktatur passt, in der man den
Bürger gängelt, ablenkt und manipuliert, damit er sich nicht
unqualifiziert in das politische Geschehen einmischt. Das
Privatfernsehen kann eine solche Verachtung zeigen; es ist dem Markt
verpflichtet und nicht der Demokratie. Das öffentlich-rechtliche
Fernsehen aber ist verpflichtet, den mündigen Bürger zu wollen.

Zur Verteidigung seines Programms hat ein RTL-Intendant einmal
gesagt: Im Seichten kann man nicht ertrinken. Das ist wahr, die Sender
können im Seichten nicht untergehen. Wohl aber kann man den
Zuschauer im Seichten ertränken.




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