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SWF3 - die Servicewelle des Südwestfunks / Rahmenbedingungen des Programms


Elmar Hörig SWF3 Regenbogen Radio Forum

Geschrieben von Yogi am 09. März 2003 20:21:57:

Folgende Dissertation habe ich vor ca. 1 Monat unter dem angegebenen Link gefunden. Auch wenn es hier primär nicht um ELMI geht, sondern um die 'Historie' der Sevicewelle SWF3, sollten zumindest die Auszüge interessante Fakten zeigen, zu dem, was mal ursprünglich so angedacht / vorgesehen war.
Und was ist heute daraus geworden ?!?

Auszug aus: Hier kann man die komplette Datei (468 kB) herunterladen

Unter der wachsenden Konkurrenz des Privatfunks Mitte der 80er Jahre wendet sich die Anstaltsleitung dagegen verstärkt gegen eine allzu ausufernde Unterhaltung. Der Intendant kritisiert den Privatfunk mit seinen "Musikteppichen, die weitgehend aus Disc-Jockey-Geplauder und Werbesprüchen gewebt sind" (Hilf 1986/87, 5), und betont verstärkt den "klassischen Rundfunkauftrag".
Dieser lasse sich nicht folgenlos auf verschiedene Programme aufspalten und im Hinblick
auf Reichweitengewinne immer wieder neu zusammensetzen (Hilf 1988a, 10). Besonders
der Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird von ihm herausgestellt:
"Der Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedeutet, den Dingen auf den Grund zu
gehen. Wenn das Bundesverfassungsgericht den kommerziellen Rundfunkanbietern zugesteht, aus
ökonomischen Zwängen heraus, 'möglichst massenattraktive, unter dem Gesichtspunkt der Maximierung
der Zuschauer- und Hörerzahlen erfolgreiche Programme zu möglichst niedrigen Kosten
zu verbreiten', drückt es damit auch die Erwartung aus, der öffentlich-rechtliche Rundfunk möge
und dürfe sich nicht - zumindest nicht in erster Linie - von den gleichen Überlegungen leiten lassen.
Den Dingen auf den Grund gehen, nach dem tieferen Bewegungsmoment für Verhaltensänderungen
und Wertwandel zu forschen, Hoffnungen und Ängste unserer Zeit aufzugreifen - dies ist
die eigentliche Triebfeder jeder künstlerischen und intellektuellen Tätigkeit im Programm. Das
Massenmedium Rundfunk bietet die Chance und die Möglichkeit, diese auf individueller Nachdenklichkeit
beruhende Quelle kultureller Kreativität einem breiten Publikum zu erschließen, zu
vermitteln, dieses einzubeziehen - mit anderen Worten, das Publikum als 'Partner der eigenen
Nachdenklichkeit' (H.-H. Hillrichs) zu gewinnen.
Solange wir den Kulturauftrag unseres Mediums ernst nehmen, so lange sollten wir immer wieder
Hürden des geistigen Anstoßes auf dem Weg eines drohenden Unterhaltungsmarathons errichten.
So kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk dazu beitragen, daß sich nicht in wenigen Jahren bereits
eine Medienkultur herauskristallisiert, in der sich Unterhaltung und Kultur, Information und
Ahnungslosigkeit im "Konsens der Erschöpften" (A. Kluge) die Hand reichen" (Hilf 1988a, 10;
vgl. SWF-Inf. 370/1988, 2)
Die verstärkte Herausstellung des Kulturauftrags unter Zurückdrängung unterhaltender Elemente
ist auch der Versuch, die Notwendigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegenüber den
politischen Kräften, die über die Etablierung des Privatfunks zu entscheiden haben, und vor allem
gegenüber der öffentlichen Meinung zu begründen. Gleichzeitig wird die gegenläufige Praxis
forciert. Dem Hörfunk wird in der Konkurrenzsituation die Aufgabe zugewiesen, vornehm-
gleich der Reden s. Frankfurter Rundschau (30.3.1977).

10Entsprechend engagiert sich der Hörfunkdirektor nach Beendigung seiner Tätigkeit beim Südwestfunk 1980 auch
für die Einführung des privat-rechtlichen Rundfunks, wo er diese Bedürfnisse wesentlich stärker als beim öffentlichrechtlichen Rundfunk befriedigt sieht (Rummel 1986, 1-13).
lich im Unterhaltungsbereich nach dem Vorbild von SWF3 für den Wettbewerb zu rüsten (Locher 1986, 11; SWF-J. 6/1988, 2).
Die Erfüllung der im Staatsvertrag festgelegten Aufgaben Bildung, Information und
Unterhaltung gelten prinzipiell in gleichem Maße für den Wort- und den Musikbereich.
Die Gewichtung wird in der Praxis jedoch deutlich unterschiedlich gehandhabt. SWF3
versteht sich als ein Full Service Programm, d.h. viel Musik aber daneben gut recherchierter
und präsentierter "News Service" und "Hintergrundinformationen" (Interv. A., 192).
Ausführlich werden in allen SWF3-Darstellungen die Arbeitsprinzipien der
Wortredaktion herausgestellt.
"Berichte und Kommentare aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft; Platten- und Buchbesprechungen;
Interviews über Städtebau, Kinderpsychologie, Umweltschutz, Reisetips und
Warentests, Fernsehkritik. Weitere Themenfelder - Naturwissenschaften, Technik, Schule und
Hochschule. Weitere Formen - Kurzfeature, Reportage, Statement, O-Ton-Collagen" (Haedecke
1985a, 20f).

Ständig arbeite die Wortredaktion daran, bildende, informierende und unterhaltende Inhalte aus
allen, d. h. auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen schwer vermittelbaren Lebensbereichen
so attraktiv zu gestalten, daß sie vom Hörer an- und aufgenommen würden. SWF3 sei deshalb
ein Service-Programm, das Lebenshilfe vermittle, anstatt sich auf die Vermittlung von Fahrtips
zu begrenzen. Es nehme die Hörer mit der Gesamtheit ihrer Bedürfnisse und Interessen
ernst, mache auf Nützliches und Wissenswertes aller Art aufmerksam und vergesse dabei auch
das durchaus ernstzunehmende Bedürfnis nach Spaß und Unterhaltung nicht (Haedecke 1982,
14). 'Lebenhilfe' ist eine Auswahl der Wortelemente
"vor allem in Hinblick auf [...] Orientierung in einer immer schwerer überschaubaren und in ihren
Zusammenhängen zu begreifenden Welt. [...] Ich scheue mich nicht, das Wort Lebenshilfe zu
gebrauchen, wenn mehr Wissen und die Fähigkeit zur besseren Anwendung des Wissens als wesentlich
für Lebenshilfe angesehen wird" (Göbel 1974)
Die Musik wird dagegen seit Programmbeginn weitestgehend auf den Funktionsbereich der Un-
terhaltung nach den Erwartungen der Hörer festgelegt (Splettstösser 1975, 5; Interv. A., 193;
Interview B., 204; Interv. C., 206). Wenn der Hörfunkdirektor 1973 fordert: "Zu unseren Aufgaben gehört es, viele Dinge zu senden, die nicht unbedingt unserem persönlichen Geschmack entsprechen.
Aber die Leute haben einen Anspruch darauf, das zu bekommen, an dem sie Spaß haben"
(Bild und Funk 29/1973), so hat er sicherlich dabei sehr stark an die Musik gedacht. Man
soll den Leuten nicht vorschreiben, was sie hören sollen, sondern sich bei der Musikgestaltung
strikt "an den Bedürfnissen und Erwartungen der Hörerinnen und Hörer orientieren" (Hess
1983, 3) und das "reale Musikgeschehen widerspiegeln" (Hess 1981, 4). Musik soll das Gefühl
ansprechen und für die Lebenslagen sein,
"denen die launige Beiläufigkeit eines Schlagers eher angemessen ist als musikalisch hochwertige
Substanz. Unterhaltung - warum eigentlich nicht. Sie steht neben Information und Bildung ausdrücklich
und gleichberechtigt im Aufgabenkatalog des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" (Haedecke
1988a, 6).
Da ein großer Anteil unterhaltender Programmelemente im Laufe der Jahre immer stärker als
unabdingbar für ein massenattraktives Senderkonzept angesehen wird, die Wortbestandteile hierauf jedoch nicht beschränkt werden sollen, muß der Unterhaltungsbereich nach Auffassung der Programm-Verantwortlichen immer stärker durch das Musikangebot abgedeckt werden. Unterhaltende Musik holt und hält die Hörer. Als Transportmittel des Senders soll sie dafür sorgen, daß viele Wortbeiträge zuerst einmal 'nolens volens mitgenommen' werden (Splettstösser 1975a, 10).
Allein diese 'Verpackung in Musik' macht die Vermittlung bestimmter Wortinhalte aus der
Politik und anderen Bereichen erst möglich (Mediendialog 1988, 4). Gern wird dabei zustimmend auf Untersuchungen von Gerhard Schmidtchen verwiesen, der eine erhöhte Aufnahme von Wortbeiträgen nach vorherigen Musikbeiträgen konstatiert (1974; Hess 1973).
Ergänzend werden die Hörer in Erfüllung des Informationsauftrags über die aktuellen und erfolgreichen Musikproduktionen mit den notwendigen und interessanten mündlichen Hinweisen
informiert, mit deren Hilfe sie sich ihre eigene, 'unbeeinflußte' Meinung bilden sollen (Interv. B.,
204).
Lediglich in den Programmanfängen vertreten Programm-Verantwortliche auch die Ansicht, daß
in die Programmkonzeption einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt für die Musik außer
dem Unterhaltungs- und Informationsauftrag auch ein Bildungsauftre Präsentation "die Liebe für eine andere Musik wecken", die als qualitätsvoll und vermittlungswürdig angesehen wird (StuRuG-Mit. 1988, 46; Splettstösser 1975b, 16 u. 18). Spätere direkte Hinweise auf einen kulturvermittelnden Auftrag fehlen. In den Arbeitsanweisungen für die Redakteure heißt es lediglich vage zur vorgesehenen Musik: "Eingängige moderne U-Musik, im wesentlichen in der Originalfassung; deutsch und international. Innerhalb des Bekannten: sorgfältige Auswahl nach Qualität von Komposition, Text und Interpretation" (Programmbeschreibung 1980, 3/1), was höchstens als implizit formulierter, kulturvermittelnder Auftrag verstanden werden kann.





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